Warum sind falsche Freunde besonders gefährlich für Dolmetscher
Falsche Freunde sind besonders gefährlich für Dolmetscher, weil sie Wörter oder Wendungen bezeichnen, die in zwei Sprachen ähnlich klingen oder aussehen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Dolmetscher haben während der Verdolmetschung keine Zeit, die korrekte Bedeutung zu überprüfen, und ein falscher Freund kann zu gravierenden Missverständnissen oder peinlichen Fehlern führen. Anders als Übersetzer, die mehr Zeit zur Überprüfung haben, müssen Dolmetscher schnell entscheiden, wodurch die Gefahr, falsche Freunde zu verwenden, besonders hoch ist und ihre Arbeit erheblich beeinträchtigen kann. Aus diesem Grund lernen Dolmetscher, falsche Freunde besonders zu meiden und mit speziellen Wörterbüchern umzugehen, um solche Fehler zu vermeiden, da Fehler bei der mündlichen Übertragung unmittelbar negative Auswirkungen haben können. 1
Was sind falsche Freunde genau?
Falsche Freunde („false friends“ im Englischen) sind Wörter, die auf den ersten Blick vertraut wirken, weil sie ähnlich klingen oder aussehen wie Wörter in der eigenen Sprache, aber tatsächlich eine andere Bedeutung haben. Zum Beispiel bedeutet das deutsche Wort „bekommen“ im Englischen nicht „to become“, sondern „to receive“. Ein Dolmetscher, der hier nicht aufpasst, könnte eine völlig falsche Information übermitteln.
Dieses Phänomen ist nicht nur zwischen Deutsch und Englisch zu beobachten, sondern auch bei vielen anderen Sprachpaaren, wie beispielsweise Deutsch–Spanisch oder Russisch–Ukrainisch. Für Dolmetscher, die häufig zwischen diesen Sprachen wechseln, kann die Verwechslung von falschen Freunden sehr leicht passieren.
Beispiele falscher Freunde im Dolmetscheralltag
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Deutsch – Englisch:
- Aktuell bedeutet nicht „actually“, sondern „currently“.
- Chef heißt im Deutschen „Vorgesetzter“, nicht „Koch“ (englisch „chef“).
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Deutsch – Spanisch:
- Rat heißt im Deutschen „empfehlung“, im Spanischen („rata“) dagegen „Ratte“. Wenn ein Dolmetscher das Wort in einem Gespräch falsch interpretiert, entsteht eine ungewollt negative Aussage.
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Deutsch – Französisch:
- Demander heißt nicht „demandieren“ (etwas beanspruchen), sondern „fragen“.
Diese Beispiele verdeutlichen, wie schnell ein einzelnes Wort Gesprächsinhalte verfälschen kann, was zu kulturellen Missverständnissen oder Kommunikationsabbrüchen führen kann.
Warum sind falsche Freunde für Dolmetscher besonders tückisch?
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Zeitdruck: Dolmetschen ist eine spontane Tätigkeit, die kaum Pausen erlaubt. Anders als schriftliche Übersetzer können Dolmetscher nicht jederzeit ein Wörterbuch zurate ziehen oder die Bedeutung überprüfen.
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Kognitive Belastung: Dolmetscher müssen gleichzeitig zuhören, verstehen, das Gesagte übersetzen und artikulieren. Das erhöhte Arbeitsgedächtnis führt dazu, dass bekannte Wortformen automatisch verarbeitet werden, was das Risiko von Irrtümern durch falsche Freunde erhöht.
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Kontextabhängigkeit: Die Bedeutung eines Wortes hängt oft vom Kontext ab. Falsche Freunde können besonders gefährlich sein, wenn ein Wort in unterschiedlichen Situationen verschiedene Bedeutungen hat.
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Langfristige Konsequenzen: Ein falscher Ausdruck während einer wichtigen Verhandlung, einer diplomatischen Konferenz oder einem Geschäftsmeeting kann Vertrauensverlust, peinliche Situationen oder sogar finanzielle Schäden verursachen.
Strategien für Dolmetscher im Umgang mit falschen Freunden
1. Bewusstmachen und gezieltes Lernen
Dolmetscher sollten sich intensiv mit den häufigsten falschen Freunden in ihren Sprachkombinationen beschäftigen. Das gezielte Erlernen und Wiederholen dieser Wörter hilft, häufige Fehlerquellen auszuschalten.
2. Einsatz spezieller Wörterbücher und Glossare
Neben allgemeinen Wörterbüchern bieten professionelle Dolmetscher spezielle Nachschlagewerke zu falschen Freunden an. Diese enthalten nicht nur Wortpaare, sondern auch Hinweise zur richtigen Verwendung und typischen Fehlern.
3. Kontextanalyse und Rückfragen
Wenn möglich, ist es hilfreich, vor oder während des Einsatzes den Kontext des Gesprächs abzuklären. Dadurch kann vermieden werden, dass ein falscher Freund aus dem Zusammenhang gerissen wird.
4. Übung und Simulation
Regelmäßiges Üben mit Tonaufnahmen oder Rollenspielen, in denen falsche Freunde gezielt eingebaut sind, schärft das Bewusstsein und die Reaktionsfähigkeit.
Falsche Freunde vermeiden – ein kontinuierlicher Prozess
Das Vermeiden falscher Freunde ist kein einmaliges Ziel, sondern ein fortlaufender Prozess der Fortbildung. Dolmetscher sollten sich dazu auf dem Laufenden halten, weil sich Bedeutungen von Wörtern durch neue Sprachtrends oder Fachjargon verändern können. Zudem kann die Dynamik verschiedener Dialekte oder regionaler Varianten zusätzliche Herausforderung erzeugen.
Häufige Missverständnisse im Umgang mit falschen Freunden
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Falscher Freund bedeutet automatisch Fehler: Nicht immer führen falsche Freunde zu Fehlübersetzungen. Manchmal stimmen Bedeutungen intuitiv überein oder die Kontextualisierung gleicht potenzielle Fehler aus.
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Nur Anfänger sind betroffen: Auch erfahrene Dolmetscher können sich in stressigen Situationen in falsche Freunde verbeißen. Der Unterschied liegt oft in der Trainings- und Reflexionsfähigkeit.
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Falsche Freunde sind nur zwischen verwandten Sprachen gefährlich: Auch bei völlig unterschiedlichen Sprachen tauchen trügerisch ähnliche Wörter durch Lehnwörter oder englische Entlehnungen auf.
Fazit
Falsche Freunde sind im Berufsalltag von Dolmetschern eine unsichtbare Bedrohung, die immer präsent ist. Die Fähigkeit, sie sicher zu erkennen und zu vermeiden, entscheidet oft über die Qualität und Zuverlässigkeit der Verdolmetschung. Systematisches Lernen, sorgfältige Vorbereitung und kontinuierliche Übung sind unverzichtbare Mittel, um diese besonderen Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Dadurch können Dolmetscher Missverständnisse minimieren und eine professionelle, präzise Kommunikation garantieren.